Unternehmensnachfolge statt Neugründen:
Warum die besten Geschäftsideen
oft schon existieren
Wer davon träumt, Unternehmerin oder Unternehmer zu werden, denkt häufig zuerst an eine eigene Geschäftsidee. Ein innovatives Start-up gründen, Investoren überzeugen und etwas völlig Neues aufbauen – dieses Bild prägt viele Vorstellungen vom Unternehmertum. Dabei gerät eine Möglichkeit oft in den Hintergrund, obwohl sie enormes Potenzial bietet: die Übernahme eines bestehenden Unternehmens.
Jedes Jahr stehen in Deutschland mehr als 100.000 mittelständische Unternehmen vor der Aufgabe, eine geeignete Nachfolge zu finde. Gleichzeitig wird es für viele Unternehmerinnen und Unternehmer immer schwieriger, eine passende Nachfolgerinnen oder einen passenden Nachfolgern zu finden. Die Folge: wirtschaftlich gesunde Unternehmen finden niemanden, der ihre Arbeit fortführt. (dihk.de)
Für Menschen mit Unternehmergeist eröffnet sich daraus eine Chance, die häufig unterschätzt wird.
Ein funktionierendes Unternehmen ist mehr als eine gute Idee
Eine Neugründung beginnt meist bei null. Kunden müssen erst gewonnen, Prozesse aufgebaut und Lieferanten gefunden werden. Hinzu kommen Unsicherheiten bei Finanzierung, Markenaufbau und Markteintritt.
Bei einer Unternehmensnachfolge sieht die Ausgangslage häufig ganz anders aus.
Im Idealfall übernehmen Nachfolger ein Unternehmen, das bereits über einen festen Kundenstamm, erfahrene Mitarbeitende, etablierte Abläufe und einen guten Ruf verfügt. Das bedeutet keineswegs, dass eine Übernahme einfacher ist als eine Gründung. Sie bringt ihre ganz eigenen Herausforderungen mit sich. Dennoch starten Übernehmende häufig auf einem deutlich stabileren Fundament.
Genau deshalb wird Unternehmensnachfolge von vielen Expertinnen und Experten inzwischen als eine Form des Gründens verstanden – nur eben nicht auf der grünen Wiese, sondern auf einem bereits gewachsenen Fundament. Auch das Bundeswirtschaftsministerium weist seit Jahren darauf hin, dass eine Unternehmensübernahme eine attraktive Alternative zur klassischen Existenzgründung sein kann. (BMWi) Gleichzeitig zeigen Daten des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn, dass viele Neugründungen die ersten Jahre wirtschaftlich nicht überstehen: Von den im Jahr 2017 gegründeten Unternehmen waren nach fünf Jahren nur noch 28,1 Prozent am Markt aktiv. Eine Unternehmensübernahme kann dieses Risiko verringern, weil auf einer bereits tragfähigen Unternehmensstruktur aufgebaut wird. (IfM)
Deutschland braucht mehr Nachfolger
Der demografische Wandel verändert die Unternehmenslandschaft spürbar.
Immer mehr Betriebsinhaber erreichen das Rentenalter. Nach aktuellen Untersuchungen planen jährlich rund 109.000 mittelständische Unternehmerinnen und Unternehmer ihren Rückzug aus dem Unternehmen. Gleichzeitig gibt es deutlich weniger Menschen, die bereit sind, einen Betrieb zu übernehmen. (KfW)
Auch die Industrie- und Handelskammern beobachten diesen Trend. Die Zahl der Unternehmen, die eine Nachfolge suchen, steigt kontinuierlich. Gleichzeitig wächst die Lücke zwischen Betrieben und geeigneten Interessenten. Immer häufiger wird sogar eine Betriebsschließung in Betracht gezogen, weil keine Nachfolge gefunden wird. (dihk.de)
Dabei geht es nicht nur um einzelne Unternehmen. Mit jeder erfolgreichen Nachfolge bleiben Arbeitsplätze, Ausbildungsplätze, regionale Wertschöpfung und jahrzehntelang aufgebautes Know-how erhalten.
Unternehmertum bedeutet heute mehr als eine Erfindung
Viele junge Menschen glauben, Unternehmertum beginne erst mit einer bahnbrechenden Innovation.
Tatsächlich entsteht echter unternehmerischer Erfolg häufig dort, wo Bestehendes weiterentwickelt wird.
Wer einen Betrieb übernimmt, bringt neue Ideen, digitale Kompetenzen und einen frischen Blick mit. Gleichzeitig profitiert er von den Erfahrungen der Vorgängergeneration. Aus dieser Kombination entstehen häufig besonders erfolgreiche Entwicklungen.
Eine Unternehmensnachfolge bedeutet daher keineswegs Stillstand. Im Gegenteil: Viele Betriebe nutzen den Generationswechsel, um Digitalisierung voranzutreiben, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln oder zusätzliche Zielgruppen zu erschließen.
Die größte Hürde sitzt im Kopf
Warum entscheiden sich dennoch vergleichsweise wenige Menschen für eine Unternehmensübernahme?
Ein Grund liegt im Image.
Während Start-ups häufig mediale Aufmerksamkeit erhalten, erscheint eine Unternehmensnachfolge auf den ersten Blick weniger spektakulär. Dabei übernimmt der Nachfolger weit mehr als einen Betrieb. Er übernimmt Verantwortung für Mitarbeitende, Kunden und häufig auch für eine jahrzehntelange Unternehmensgeschichte.
Diese Verantwortung schreckt manche zunächst ab.
Wer genauer hinsieht, erkennt jedoch: Gerade diese vorhandenen Strukturen reduzieren viele Risiken, die bei einer Neugründung erst entstehen.
Natürlich gibt es Herausforderungen. Kaufpreisverhandlungen, Finanzierung, Unternehmensbewertung oder kulturelle Veränderungen erfordern eine sorgfältige Vorbereitung. Doch genau deshalb gilt Unternehmensnachfolge als strategisches Projekt und nicht als spontane Entscheidung.
Der richtige Zeitpunkt ist früher als viele denken
Viele Interessierte beginnen erst dann mit der Suche nach einem Unternehmen, wenn sie bereits konkret gründen möchten.
Dabei lohnt sich ein deutlich früherer Einstieg.
Wer sich rechtzeitig mit Branchen beschäftigt, Netzwerke aufbaut und Finanzierungsmöglichkeiten prüft, verschafft sich einen erheblichen Vorteil. Gleichzeitig profitieren auch Unternehmerinnen und Unternehmer davon, frühzeitig über ihre Nachfolge nachzudenken. Fachleute empfehlen häufig einen Vorlauf von mehreren Jahren, da neben rechtlichen und finanziellen Fragen auch persönliche und organisatorische Aspekte eine wichtige Rolle spielen. (Bundeswirtschaftsministerium)
Eine Chance für beide Generationen
Eine gelungene Unternehmensnachfolge ist weit mehr als ein Eigentümerwechsel.
Sie verbindet Erfahrung mit neuen Ideen, bewahrt wirtschaftliche Substanz und eröffnet Menschen den Weg ins Unternehmertum, die vielleicht nie ein eigenes Unternehmen gegründet hätten.
Während die abgebende Generation ihr Lebenswerk in guten Händen weiß, erhält die nachfolgende Generation die Möglichkeit, ein bestehendes Unternehmen weiterzuentwickeln und eigene Akzente zu setzen.
Gerade in Zeiten des demografischen Wandels gewinnt dieser Generationenwechsel zunehmend an Bedeutung. Unternehmensnachfolge ist deshalb längst kein Nischenthema mehr. Sie entwickelt sich zu einer der wichtigsten Zukunftsaufgaben des deutschen Mittelstands – und für viele angehende Unternehmerinnen und Unternehmer möglicherweise zur größten unternehmerischen Chance ihrer Laufbahn. (dihk.de)
